Oktober 15th, 2014,  | 0 Kommentare
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Sie stehen wieder überall, die Zelte, die Holzbänke, die Oktober-Gaudi-Feste. Und weil wir gerne Bier trinken, werden wir gefragt: Und, gehst du ans Oktoberfest? Nein. Denn das Oktoberfest hat genau so wenig mit Bier zu tun wie Bier mit dem Oktoberfest (abgesehen vom traditionellen Bierstil „Oktoberfest Lager“ und dass es dort in Massen vernichtet wird). Umso tragischer ist es, dass sich viele Schweizer Bierfestivals irgendwo zwischen Bayrischer Glückseligkeit und volkstümlicher Schlagerparade positionieren.

OLMA oder Weinschiff
Die Schweizer Bierszene ist jung und wächst. Das Positive daran nicht der Erste zu sein ist, dass man bei anderen abkucken kann. Schweizer Bierfestivals können auch Weinmessen als Referenz zuziehen. Stellt euch nun eine Weinmesse vor, zum Beispiel die auf dem Zürichsee. Während man einen tollen Wein probiert, wird man von den Jungen Mölltaler beschallt. Die Leute würden sich mit der Rettungsweste erwürgen und in den See springen. Doch warum soll dieses Animationsprogramm an einem Bierfestival okay und beinahe obligatorisch sein? Warum gehen Frauen im Frühling mit einem Dirndl an die Solothurner Biertage? Was hat das mit dem Zelebrieren der Braukunst zu tun?

Spätestens nachdem der erste Handorgelton erklingt, steht das Bier nicht mehr im Zentrum der Veranstaltung. Musik macht den Unterschied zwischen OLMA und der Berner Weinmesse, zwischen Volksfest und Fest der Biere.

Die richtigen Besucher
Zum Glück haben das einige Organisatoren erkannt (vielleicht auch weil die Aussteller sich beklagt haben). Statt Alleinunterhalter Renato engagierte Hugo Schildknecht, Organisator der Unterländer Biertage, The Blues Trio zum Frühschoppen am Sonntagmorgen. In einer E-Mail an uns hielt er aber fest, dass „Renato […] bei der ländlichen Bevölkerung gut ankam“. Doch muss jedes Bierfest auf genau diese Zielgruppe ausgerichtet sein?

Oder braucht es so viele Festivals? Es gibt die Solothurner Biertage, das Craft-Bier Festival in Rapperswil, die Unterländer Biertage, das Bierfest in Chur, Winterthur soll ein Festival bekommen, an der Züspa gab es das kleinste Bierfestival der Schweiz und so weiter und so fort. Diese Dichte ist beeindruckend, aber ist sie nachhaltig? Sind Bierfestivals die neuen Grümpel-Turniere und jedes Dorf erhält das eigene Festival mit Party-Power-Coverband am Abend?

Ein Bisschen Utopie
Der utopische Idealzustand von einem Bierfestival, bei dem das Bier und die Kunst des Brauens im Zentrum stehen, lässt sich anhand einer Zeitreise an andere Festivals zusammentragen:

  • Es wird vornehmlich/ausschliesslich gutes, fehlerfreies Bier serviert.
  • Das Bier wird zur richtigen Temperatur ab Zapfhahnen oder im Notfall aus Flaschen ausgeschenkt.
  • Das Bier wird in einem Glas aus Glas serviert.
  • Das Glas kann selbständig gereinigt werden.
  • Es gibt die Möglichkeit mit den Brauern zu sprechen.
  • Das Festival gibt ein Bier vor, welches alle Aussteller für diesen Anlass herstellen.
  • Es gibt ein Programmheft mit Informationen zu den Brauereien und den Bieren.
  • Es gibt die Möglichkeit zu stehen und zu sitzen.
  • Es gibt die Möglichkeit etwas zu essen.
  • In einem Shop können Biere die serviert werden gekauft werden.

Gibt es ein Festival das alle oder die Mehrheit dieser Punkte erfüllt? Das Craft-Bier-Festival in Rapperswil ist ein sicherer Wert ohne Musik, hat neu richtige Gläser und viele Elemente mit ausbildendem Charakter. Das Bier wird aber aus Pitcher serviert. In Solothurn sind viele Brauer, sie haben neu auch richtige Gläser und die Musik spielt erst am Abend auf (wird auch in Chur so sein). Und wie bereits erwähnt, kann Renato am Sonntagmorgen der Unterländer Biertage wieder ausschlafen.

Die Realität siegt
Resignierend akzeptieren wir, dass es in der Schweiz wohl ohne Musikantenstadel schwierig ist ein wirtschaftlich rentables Bierfestival zu organisieren. Jedes Bierfestival scheint in einem Zielgruppenkonflikt zu stecken: Hugo schreibt, dass er für die Bevölkerung „Treffpunkt in der Region“ sein wollte. Wir schreiben aus der Perspektive eines Bier-Liebhabers. Wir respektieren, anerkennen und bedanken uns für das Engagement der Organisatoren. Wir anerkennen, dass die Schweiz vielleicht noch nicht so weit ist, dass bei jedem Bierfestival ausschliesslich das Bier im Zentrum stehen kann. Entsprechend werden Festivals mit einer Bierauswahl organisiert und ein Grossteil der Besucher würde sich auch über ein Säulirennen und Schunkelchoreographien freuen.

Schön. Okay. Aber wenn das Bier nicht im Zentrum steht, dann müssen wir auch nicht an alle diese Festivals gehen.

P.S. Und wenn wir schon dabei sind, so „Sauglattismen“ wie „Bierige Grüsse“ oder „Gerstensaft“ sind so abgestanden wie der letzte Schluck Bier in einer Mass.

Bildquelle: http://www.paravivirenirlanda.com/wp-content/uploads/2014/09/oktoberfest.jpg

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