Februar 23rd, 2015,  | 0 Kommentare
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Wir haben es selber schon verkündet: Im Moment geht in keinem anderen Land so viel bezüglich Bier wie in den USA. Nun, auch 2014 habe ich meine Koffer gepackt, den Pass abgestaubt, meine Fingerabdruckkuppen poliert und bin in einen Flieger in Richtung Kalifornien gestiegen.
Doch was genau ist es, was in den USA so grossartig ist? Was machen die, was Schweizer Bars und Brauereien abkupfern könnten? Das wird für die erfolgreichen und überlegten Beizer nix Neues sein. Für alle anderen, hier ein paar Tipps.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit
Die Offenheit und Gemütlichkeit der Bars und Restaurants in den USA ist beeindruckend. Das Publikum ist auf kein Segment fokussiert, sondern Leute mit Kind und Kegel, Nerds mit Growlers, Paare mit verliebten Augen und Männer mit Diskussionsthemen, alle und jeden findet man in diesen Bars und Restaurants.
Hier hat die Schweiz dramatischen Aufholbedarf. Wo können wir Erwachsenen am Wochenende weg, ohne dass man das Durchschnittsalter um eine zweistellige Zahl nach oben drückt?
Fazit: Wenn die Freundin nicht in die Bar will, dann geht der Freund auch weniger hin. Sorgt dafür, dass euer Haus für alle und jeden gemütlich ist. Gemütlichkeit hat nicht nur mit der Einrichtung zu tun, sondern auch mit der Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Personals und der Gäste.

Bier ist nur in Bayern ein Nahrungsmittel
Natürlich haben nicht alle Bars die Möglichkeit Hamburger zu servieren. Doof. Nur, wenn eine Pizzaria um die Ecke ist, dann kann die doch Pizzas liefern. Das machen die Erzbierschofbars in Liebefeld und Winterthur sehr erfolgreich. Und wer isst bleibt länger und trinkt mehr.
Fazit: Fast nix ist so gemütlich wie zusammen etwas zu essen. Wenn Gemütlichkeit das höchste Ziel ist, dann ist etwas zum Essen zu servieren von höchster Priorität.

Teile deine Kunden
Brauer sind Rockstars. Eine Kneipe kann sich mit etwas Glamour schmücken, wenn einer der Rockstars hin oder wieder in der Gaststube auftaucht. Auf Neudeutsch schimpft sich das dann Tap-Takeover oder Meet the Brewer. So etwas rechtfertigt einen neuen Facebook oder Twitterpost, lockt Fans der Brauerei in die Hütte und der Coolness-Glitter bleibt am Restaurant oder der Bar kleben. Vielleicht führt der Brauer oder ein Sommelier des Vertrauens sogar durch einen Abend und es werden aufeinander abgestimmte Speisen und Biere serviert. Alles tolle Ideen damit die Kunden der Brauerei die Bar kennen lernen und umgekehrt.
Fazit: Wir lieben Tap-Takeovers und Meet the Brewers. Und deswegen lieben wir auch das Biercafé Au Trappiste. Apropos: Raphael Mettler von Trois Dames steht am 27. Februar in der Berner Bar und serviert seine Biere.

Zwinge niemanden Bier in grossen Portionen zu trinken
In jeder Brauerei und in vielen Bars gibt es Flights. Das ist eine Reihe von „Probierportionen“ von den Bieren an der Schankanlage. Dies ermöglicht es dem Nerd ganz viele verschiedene Biere zu probieren. Verdient die Bar deswegen weniger? Sicher nicht, denn je kleiner die Portion umso grösser der Deziliterpreis. Trinkt der Gast weniger? Wahrscheinlich nicht, denn 8x 1 ½dl sieht beachtlich weniger dramatisch aus als ein Mass.
Fazit: Her mit den Holzlatten! Oder den Muffinförmchen. Alles wo man kleine Gläser reinstellen kann, einigt sich. Und etwas Originalität macht das Ganze dann auch gleich gemütlicher.

Ein Bisschen Nitro macht noch kein Guinness
In einem Land in dem alles möglich ist, kann es eigentlich kaum noch einen Hype geben. Doch auch in den USA verfallen die Brauereien kollektivem Groupthinking. So gibt’s überall Biere mit Mosaic Hopfen, Session IPAs, Dryhopped Saisons und Biere auf Nitro. Nitro kennen wir vom Guinness und das macht dort den tollen feinporigen Schaum. Nur, will man ein IPA mit feinen Poren? Nein, will man nicht. Deswegen kann dieser Hype nicht schnell genug wieder verschwinden.
Fazit: Lasst den Firlefanz. Einfach lassen.

Alles was Wert hat, kann auch teuer sein
Die teuerste von mir bezahlte Flasche war 40 Dollar. Habe ich es bereut? Nein, denn das Bier – Cascade Strawberry – war wahnsinnig gut! Was gut ist, darf auch viel kosten. Das ist ein Bisschen wie mit Zigarren und Zigaretten oder wie Marcel damals sagte: Gefrierpizza und Pizza vom Pizzabäcker.
Fazit: Passe den Preis dem Bier an. Natürlich darfst du ein Bier von der Badewanne-Brauerei um die Ecke verkaufen. Nur, verkaufe es zum Preis das es verdient.

Hier noch ein paar Reisetipps:
Brauereien: Ballast Point in San Diego. Immer wieder Ballast Point. Während andere Brauereien viel mehr Aufmerksamkeit erhalten, braut Ballast Point das durchgehend solideste Sortiment. Deren Sculpin ist zwar ein sehr tolles, aromatisches IPA, aber bei weitem nicht das einzige tolle Bier. Wer ein Auto hat, sollte natürlich auch zu Alpine Beer Company und wer mehr Zeit hat als ich hatte, der sollte Societe Brewing Company noch besuchen.
Bars: 90+ Bars auf Ratebeer sind natürlich eine Offenbarung. Doch auch Rang 24 wird ein unmenschliches Angebot haben. Tatsächlich kann man sogar in einer Kette wie dem Yardhouse sehr viele sehr gute Biere finden. In San Diego ist Neighborhood eine feste Grösse, welche hin und wieder auch Pliny The Elder on tap hat. The Pub im Monte Carlo Casino schenkt Flights aus. Aces & Ales hat zwei Ableger in Vegas, wovon derjenige in Nellis etwas „Ghetto“ sei. Beide sind 24 Stunden offen.
Shops: BevMo ist eine Kette die Angel’s Share verkauft. Das kann nicht falsch sein. In LA war die Auswahl im Vendome Wines & Spirits grossartig. In San Diego ist Bottlecraft zwar klein, man bekommt aber auch 344ml Flaschen einzeln. Im Best Damn Beer Shop leider vor allem Sixpacks (dafür auch Trois Dames und BFM, sollte man Heimweh haben). Der Laden ist dafür auch noch Homebrew Shop und verkauft Hopfen und Schläuche und so weiter.
Biere: Die Cascade Brewing hat wohl den blödesten Namen (zurückzuführend auf die Cascade Bergkette in der Nähe von Portland), braut aber unglaubliche, eher rare und schweineteure Sauerbiere. Deren Strawberry war eine Erleuchtung. Das Indra Kunindra von Ballast Point ist beinahe perfekt. Alpine beeindruckt wie sorgfältig sie Malz einsetzen und wie ausbalanciert die Biere sind. Ebenso glücklich war ich über Almanac Devil’s Advocate und Sierra Nevada’s Narwhal.

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