Mai 22nd, 2015,  | 0 Kommentare
from left to right: Alex, Paul, Sander, Rick

Warum ein holländischer Brauer ein Schweizer Bierfestival besucht, ein Bier unbedingt Salty Dick heissen muss und sonstige tiefe Einblicke was so abgeht im flachen Land. All das erfährt ihr in unserem Interview mit Rick Nelson von Oedipus Brewing.

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Ihr eröffnet eure eigene Brauerei, erzähl uns davon.
Der Taproom wird Ende Juni eröffnet. Seit dem Mai brauen wir an unserem eigenen Standort. Wir haben eine fünf Hektoliter-Anlage und zur Gährung 10 Hektoliter. Entsprechend werden wir immer doppelt brauen, entweder zwei Tage hintereinander oder zwei Mal am Tag.

Wo habt ihr vorher gebraut?
Andere Brauereien haben für uns auf Auftrag gebraut. Angefangen haben wir bei De Molen, danach bei der Brouwerij Anders in Belgien. Die haben sich aufs Auftragsbrauen spezialisiert. Daneben haben wir noch in anderen Brauereien in Holland gebraut.

Du sprichst von „wir“. Wer sind wir?
Oedipus sind vier Freunde: Sander, der verstärkt die Funktion des Braumeisters einnimmt, Paul und Alex, welche sich um den Verkauf und den Vertrieb kümmern. Die Rezepte machen wir alle zusammen und ich kümmere mich um die Events. Wir nehmen an vielen Events teil, nicht nur Bier-Events sondern auch Konzerte und Kunst-Events, vor allem in Amsterdam. Diese organisiere ich. Dazu mache ich noch PR, Marketing und kümmere mich um den Tasting Room.

Du reist auch. Ich war ziemlich neidisch als ich gesehen habe, dass du die Cascade Brauerei besucht hast.
Die Reise war unglaublich und ein es war ein Privileg Craft Beer in Portland, Oregan zu erleben und eines unserer Biere auszuschenken. Das war einfach fantastisch.

Wie kam es dazu?
Das ist ein langfristiges Programm welches seinen Ursprung in den Gemeinden von Portland und Utrecht hat. Sie sind Partnerstädte und haben sich überlegt, was beide gemein haben. Einerseits waren da Fahrräder aber auch Bier. So wurden Cascade und Rooie Dop Teil des Projektes und letztere haben eine Gruppe von Brauereien aus den Niederlanden ausgesucht, welche nach Portland reisen konnten.

Das letzte Mal als wir dich getroffen haben, hattest du deinen letzten Arbeitstag im Beer Temple in Amsterdam und es wurde verkündet, dass du die Bar für eine Brauerei verlässt. Also hattest du irgendwann genug davon hinter der Bar zu stehen und wolltest lieber an der Bar sitzen?
(lacht) Gefällt mir wie du denkst!
Oedipus hat seine Wurzeln im Beer Temple. Nicht nur ich, sondern auch Sander und Paul haben dort gearbeitet. Während der Arbeit haben wir sehr viele Leute getroffen, vor allem Expats, Ausländer und Reisende, die sich mit Craft Bier und Homebrewing auskannten. Sie haben uns davon überzeugt, dass es nicht so viel kosten muss oder so kompliziert ist, sondern dass man einfach zu Hause brauen kann. Wenn ich so zurück blicke, all die Stunden im Beer Temple waren sehr wichtig für uns, denn sie gaben uns das Selbstvertrauen, es selber zu versuchen.
Vor dreieinhalb oder vier Jahren haben wir mit dem Homebrewing angefangen. Wir brauten 25 Liter in unserer Küche. Die Ausrüstung haben wir anhand YouTube Videos zusammengestellt, also eine Kühltruhe als Maischetrog verwendet und alles selber mit Schläuchen verbunden.
Wir erkannten so die Möglichkeiten und es entstanden Ambitionen. Gleichzeitig wollten wir auch zuerst schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Die Entwicklung lief dann rasant. Wir brauten immer mehr und immer mehr verschiedene Biere. Und den Leuten schmeckten die Biere. Somit gaben wir 2012 den ersten Sud in Auftrag, welcher sich sehr schnell verkaufte und im Herbst 2013 wurde es offensichtlich, dass ich für die Brauerei ganztags arbeiten sollte. Mit der Zeit folgten mir die anderen Jungs und jetzt arbeiten wir alle nur noch für die Brauerei.

Welches Bier habt ihr als Erstes kommerziell gebraut?
Mannenliefde, ein Saison mit 6 Prozent, welches wir mit Zitronengras, Szechuan Pfeffer und Sorachi Ace Hopfen brauen.

Wo habt ihr das erste Bier verkauft?
Wir nehmen an vielen Events und Festivals teil. Wir haben das erste Beer während einem Wochenende am Magneet Festival verkauft. Das ist das Burning Man Festival von Amsterdam, das an einem Wüsten-ähnlichen Ort mit Sanddünen stattfand. Wir haben sogar eine kleine Brauanlage mitgenommen.
Vor dem Festival hat uns Menno von De Molen viel Glück gewünscht. Wir meinten: “Wir kommen wieder” – “Verkauft zuerst einmal dieses Bier”. Am Montagmorgen haben wir ihn dann angerufen: “Wir sind ausverkauft, wann können wir wieder bei dir brauen?” (lacht)

Du hast Expats erwähnt. Sind es Expats welche die niederländische Bierszene vorwärtstreiben?
Die meisten Expats mit denen ich gesprochen habe, brauten nicht selber in Holland. Aber alle kannten Homebrewing von ihrer Heimat. Von ihnen bekam ich mit, dass das in den USA etwas ganz Normales ist. Jeder kennt jemanden der selber braut. In den Niederlanden ist das allerdings immer noch etwas Aussergewöhnliches.

Wie würdest du die niederländische Bierszene beschreiben?
Sie boomt! Nicht nur angesichts niederländischen Craft Bieren, sondern auch angesichts dem was die Leute trinken: die Leute gewöhnen sich mehr und mehr an IPAs. Viele davon aus dem Ausland, wie von BrewDog oder Anchor. Brooklyn wurde gerade auf dem Markt eingeführt. In Amsterdam zum Beispiel, gibt es viele Bars welche man nicht als Craft Bier Bar bezeichnen würde, welche dennoch mehrere gute Biere anbieten.
Somit lernen die Leute langsam, was gutes Bier ist. Das konnten wir bereits über die letzten Jahre im Beer Temple beobachten. Die Leute kapieren es langsam auch in anderen Bars. Mehr und mehr Leute wissen was ein IPA ist. Und Stouts werden auch immer beliebter.

Es ist tatsächlich ein grossartiges Zeichen, wenn “normale” Bars ihr Bierangebot ausbauen. Das deutet darauf hin, dass “normale” Leute nicht nur Lager bestellen und trinken. Es sind nicht mehr nur die Biernerds welche diese Biere trinken, und im Beer Temple sind die Stammgäste wohl eher Biernerds?
(lacht) Die Gäste im Beer Temple kommen von überall auf der Welt. Es ist nicht so, dass nur Einheimische dort trinken, wobei deren Anteil immer grösser wird.
Die Supermarktkette Albert Heijn hat damit begonnen Craft Bier zu verkaufen. Unsere Biere gibt es dort auch. Zu Beginn waren wir etwas skeptisch, aber das läuft richtig gut. Im Albert Heijn ist unser Mama und Mannenliefde, ein Pale Ale und ein Saison, erhältlich.

Sind das eure Flagship Biere?
Ich würde sie nicht als solche bezeichnen. Aber es sind die Biere welche wir am längsten Brauen und vielleicht die Zugänglichsten. Ich finde es gut, wenn diese zwei Biere zuerst bekannt werden und dann die Kunden, hoffentlich, unsere anderen Biere ebenfalls probieren.
Wir haben bisher noch kein Imperial Stout oder ein Double IPA gebraut. Wir möchten, dass unsere Kunden zuerst die einfachen Bierstile kennen lernen. Danach werden wir sie langsam an die neuen Biere heranführen.

Braut ihr diese Biere in grösseren Mengen?
Ja. Mannenliefde ist das Bier von welchem wir am meisten brauen und das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Obschon das Thai Thai Tripel wird immer beliebter, genau wie unser Gaia IPA.

Du hast vorher erwähnt, dass du unter anderem die Rezepte mitentwickelst. Wie machst du das?
Das machen wir alle zusammen. Sander und ich trinken aber schon seit langer Zeit Bier wie Verrückte, wir kaufen jede Flasche, was extrem wichtig ist, um über Bier zu lernen.
Entsprechend werden wir durchs Trinken von Bieren inspiriert und in dem wir verstehen, wie diese Biere gebraut wurden. Sander hat sehr viel Wissen darüber, wie man Zutaten in ein Rezept einbindet. Wir alle besprechen unsere Ideen, brainstormen, schauen uns die anderen Biere die wir im Angebot haben an und wie sich das neue Bier einreihen würde. Zum Beispiel haben wir im Moment viele leichte Biere, weswegen wir jetzt damit beginnen auch ein paar stärkere Biere zu brauen.

Was werdet ihr als nächstes brauen?
In der Pipeline ist ein Rhubarb Wheat Ale, welches wir schon ein paar Mal als Homebrewer gebraut haben. Nun brauen wir es zum ersten Mal kommerziell. Wir haben aber in der Vergangenheit bereits säuerliche Biere gebraut, z.B. ein Gose mit dem Namen Salty Dick.

Das ist aber nichts was ich in meinem Mund haben möchte.
(lacht) Viele Leute fragen nach dem Namen. Der ist aber viel unschuldiger als er ausschaut. Vielleicht sollten wir ihn ändern. Obschon, nein, das machen wir nicht.

Wie kam es denn zum Namen?
Vor etwa einem Jahr führten Freunde von uns ein Crowd Funding für ihre Sonnenbrillen durch. Der Markenname ist Dick Moby. Sie stellen die Brillen aus nachhaltigen Materialien her, z.B. aus Plastik aus dem Meer. Sie haben uns gefragt, ob wir ein Bier für sie brauen können, welches entweder salzig ist oder an den Sommer erinnert. So brauten wir Salty Dick.

Ihr hätted das Ding auch Salty Moby nennen können!
(lacht) Manchmal muss man die Leute etwas aus der Reserve locken.

Zwei Fragen stellen wir in allen unseren Interviews. Die eine davon: Welches Bier würdest du dem Beerhunter Michael Jackson servieren?
Wow, das ist als würdest du fragen; welches deiner Kinder magst du am Liebsten? Es gibt sicher einige, wo es sehr spannend wäre seine Meinung dazu zu hören: Mannenliefde, weil ich denke, dass es ein sehr gutes Saison ist. Wir schmeissen da aber auch noch Zutaten wie Zitronengras, Szechuanpfeffer und Sorachi Ace Hopfen rein. Ich finde es ist ein sehr gut balanciertes Bier und wie gesagt, wäre ich neugierig was er dazu sagen würde.
Und dann vielleicht noch Slomo, einfach weil es ein schönes Table Saison ist. Es hat lediglich 3.5% Alkohol und ich mag es wirklich.

Interessant, dass viele bei dieser Frage ein leichtes Bier auswählen.
Ja, wohl vor allem weil es eine grössere Herausforderung ist ein gutes leichtes Bier ohne viel Alkohol zu brauen. Womit ich aber nicht sagen will, dass es einfach ist ein Mega Imperial Stout zu machen.

Aber mit massiven Geschmäckern kann man gewisse Fehler maskieren.
Genau. Stark und schwer kann Eindruck schinden. Aber bei einem leichten Bier ist es schwerer die Balance zu halten und trotzdem mit gutem Geschmack zu imponieren.

Du hast “Brauen für Freunde” erwähnt. Braust du auch mit Freunden? Machst du Kollaborationen?
Natürlich! Mehrmals mit De Prael, eine mit Oersoep. Ich finde die sind momentan die Besten in Holland, speziell für Saures und Wildes und Einzigartiges. Letzten Januar brauten wir mit Buxton und Rooie Dop und mit Upright in Portland.
Dass wir bald ein Bier mit Stillwater brauen werden, ist zwar noch geheim, darf aber geschrieben werden.

Wie stellst du die Verbindung zu den anderen Brauereien her?
In Holland ist es ein kleines Netzwerk. Eigentlich sind wir eine Gruppe Freunde. Wir treffen uns und meinen: “Ah, wir sollten mal wieder zusammen brauen”.

Wie kam es dazu, dass du am Zürich Bier Festival bist?
Wir trafen Joachim Seewer von Herr Ritzi ungefähr vor einem halben Jahr an einem Tasting bei Terra Madre in Turin. Er war unter den Zuschauern und mochte unsere Biere. Wir blieben in Kontakt und er ist dann mal nach Holland hochgefahren um ein Pallet unserer Biere abzuholen und uns vom geplanten Festival zu erzählen. Ich habe daraufhin beschlossen mal die Schweizer Bierkultur abzuchecken.

Was weisst du denn bereits über die Schweizer Bierkultur?
Ich war vor ungefähr vier Jahren mal in Lausanne und habe dabei BFM und Trois Dames probiert. Die waren wirklich lecker. Gestern Abend sind wir dann noch ziemlich ernsthaft durch ein paar Pubs gezogen. Ich war sehr beeindruckt von Storm&Anchor, Ich konnte ebenfalls einige 523 Biere trinken, die ich sehr mochte. Spät Abends dann noch das Tropicale IPA von Trois Dames.

Das bringt uns bereits zu unserer letzten Frage: Fünf Biere die man getrunken haben muss bevor man das Zeitliche segnet?
Etwas von Anchorage, etwa das Galaxy oder das Tripel The Tide And It’s Takers. Ich finde es faszinierend was die brauen.
Fantôme Saison. Definitiv..
Etwas von Oedipus natürlich. The Salty Dick (lacht) für den Fall, dass du es noch nie gehabt hast. Es wird Ende Mai wieder erhältlich sein.
Und noch ein Imperial Stout. Ich habe Ten Fiddy von Oscar Blues schon immer gemocht. Oder Yeti von Great Divide. Beides grossartige Stouts.
Und zum Schluss noch etwas Saures. Sagen wir mal Cantillon 2002 Oude Geuze. Das ist ebenfalls ein fantastisches Bier.
Und Orval, mein go-to-Bier.

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