Mai 26th, 2017,  | 2 Kommentare

Der Verkauf von Wicked Weed hat die Craft Bier Welt erschüttert. Immer wieder werden Craft-Brauereien an Biergiganten wie Anheuser-Bush In-BEV verkauft, z.T. für horrende Summen. Doch wieso wollen die grossen Biergiganten die kleinen Brauereien schlucken? Und ist das gut oder schlecht für uns als Biertrinker? Nachfolgende Analyse soll diesen Fragen nachgehen und aktuelle Trends aufzeigen.

Am Tag nach der AGM hat Brew Dog, Europas grösste unabhängige Brauerei und quasi Inbegriff des Craft-Beer-Trends in Europa, seinen Equity Punks (Aktionären) verkündet, dass ein Minderheitsanteil von 22% für 100 Mio. £ an den Fond TSG Consumer Partners ging. Damit sei Brew Dog im März 2017 mit 1 Mia. bewertet. Wer vor einem Jahr mit Equity for Punks IV eingestiegen ist, hat sage und schreibe eine theoretische Rendite von 177% erzielt.

Was einen traditionellen Investor, mal abgesehen von Waren Buffet, wohl zu unbegrenztem, mehrstündigen Jubel bewegen würde, passt irgendwie nicht so zum Equity for Punk Spirit, dem zehntausende Bierliebhaber und Kleininvestoren aus aller Welt bisher gefolgt sind. Bisher war Brew Dog stolz darauf, die erste und einzige Brauerei zu sein, die sich über Crowd Funding finanziert hat. Doch scheinbar floss das Geld dafür nicht ausreichend genug für die ambitionierten Pläne der Gründer, trotz 19 Mio. £ aus Equity for Punks IV, dem ersten kürzlich ausgegebenen Brew Dog Bond (Obligation) und der Equity for Punks USA Kapitalerhöhung.

Was gilt eigentlich noch als Craft-Beer?
Natürlich ist Brew Dog nicht gleich Craft Beer. Ja eigentlich stellt sich die Frage, ob sie in Anbetracht von 21,4 Mio. Liter verkauftem Bier im 2016 überhaupt noch für den Begriff Craft Beer qualifizieren. Es gibt zwar keine allgemeingültige Definition, doch eine Craft Brewery, welche auch mit Micro Brewery gleichgesetzt wird, wurde ursprünglich in den USA mit 1,8 Mio. Liter jährlicher Produktion definiert.

Diese mengenmässige Betrachtung veränderte sich jedoch über die Zeit hin zur einer Definition, in welcher die alternative Einstellung der Craft-Brauereien, wie Bier gebraut und vermarktet werden soll, im Zentrum steht. Dabei ist Geschmack, Qualität und Experimentierfreudigkeit wichtiger als Masse und Werbung. Damit würde sich Brew Dog also weiterhin als Craft Brewery qualifzieren. Gemäss einem Artikel im Time Magazine ist jedoch auch die Unabhängigkeit der Brauerei wichtig für die besagte Definition, ähnlich sieht dies auch die Brewers Association mit ihrer Definition von Craft Beer.

Kleiner Markt, viel Geld im Spiel
Betrachtet man den Craft-Beer-Markt, so ist dieser, abhängig vom Land, immer noch klein bis zu quasi inexistent. In den USA, in welchem bereits in den 1980er Jahren eine Craft Beer Szene entstand, war der Marktanteil gemäss Brewers Association 12,3%. Zahlen für andere Länder zu finden, gestaltet sich schwierig. Fürs Königreich konnte ich die Zahl von 5% finden, in 2014. In der Schweiz lässt sich der Trend am ehesten an der steigenden Anzahl registrierten Brauereien erkennen. Waren es 1990 noch 32, so waren es im Dezember 2016 bereits über 740. Trotzdem wird die Menge an getrunkenem Craft Beer in der Schweiz noch verschwindend klein und im tiefen, einstelligen Prozentbereich sein.

Trotz des tiefen Marktanteils ist viel Geld im Spiel. Die 12,3% Marktanteil in den USA entsprechen 23,5 Milliarden US Dollars. Und neben diesem schönen Batzen Geld gibt es noch einen weiteren Punkt, welchen den Craft-Beer-Markt attraktiv macht. Während der gesamte Biermarkt in den USA in 2016 stagnierte (0,0% Wachstum), wuchs der Absatz von Craft Beer um 6,2% (in verkaufter Menge) bzw. 10% in Wert. Traditionelle Brauereien kämpfen also mit sinkenden Absätzen während Craft Breweries stetig weiterwachsen.

Die Grossen kaufen sich das Wachstum
Diesem Trend wollen die Grossen internationalen Players (Anheuser-Bush In-Bev, SABMiller, Heineken und Carlsberg) natürlich nicht weiter zuschauen. Da der Absatz klassischer Lagerbiere rückläufig ist und sie mit ihren eigenen Craft Beer Sortimenten, so wie dies gerade Feldschlösschen mit ihrem Weizen und Hopfen Bier probiert, wenig erfolgreich sind, gehen sie auf Einkaufstour oder gründeten Ihre eigenen Craft-Brauereien. So war z.B. Blue Moon ein Ableger von Coors, dass zu SABMiller gehört.

Möglichkeiten, Craft Brauereien zu kaufen, gibt es noch viele. Erst Anfang Mai wurde bekannt, dass Heineken Lagunitas komplett übernahm, nachdem davor Wicked Weed von Anheuser-Bush In-Bev gekauft wurde (die Craft-Brew-Szene hat diese Übernahme sehr negativ aufgenommen und z.T. Collaborations und Festivals abgesagt). Über die Kaufpreise wird normalerweise Stillschweigen vereinbart. Der Verkauf von Ballast Point an Constellation (ein Wein und Spirituosen Gigant) gab jedoch zur reden, ging die Brauerei aus San Diego doch für 1 Milliarde USD „über den Tresen“. Kein Wunder wurde sogar von einer „Bier-Blase“ im Sinne einer Überbewertung der Craft-Brauereien gesprochen.

Ein Blick in die Markenliste der Carlsberg-Gruppe zeigt, dass dies nicht die ersten solchen Übernahmen sind. So gehört z.B. auch die italienische Brauerei Birrificio Angelo Poretti zum Konzern. Goose Island und eben Wicked Weed wiederum gehört zu Anheuser-Bush In-Bev usw.

Die Spätfolgen der Übernahmen
Ein paar kleine innovative Brauereien wurden also von ein paar grossen trägen Konglomeraten gekauft. Na und? Ist doch super, dann wird es endlich einfacher, in der Schweiz an Craft-Biere zu kommen. Das stimmt.

Aber die Medaille hat auch eine Kehrseite. Erstens sind das schlechte Nachrichten für echte Craft-Bier Fans, welche Craft-Bier auch deshalb trinken, weil sie damit kleine Betriebe und eine innovative Bierkultur unterstützen wollen. Zweitens sind das auch schlechte Nachrichten für alle anderen Craft-Brauereien. Weil die Grossen so Druck auf die Distributionskanäle machen können, dass diese nur noch Biere aus ihrem Konzern anbieten und sie gleichzeitig den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wie seltenen Hopfenarten kontrollieren können.

Dies ist kein unrealistisches Szenario, wie ein Bericht in Draft-Mag zeigt. Demnach verkauft SAB Hop Farms in Südafrika, welches zu dem von AB InBev gekauften SABMiller gehört, nicht mehr länger an andere Brauereien ausser solchen, die zu AB InBev gehören. Damit werden dutzende Craft-Brauerein in Amerika von den stark nachgefragten südafrikanischen Hopfen Southern Passion, African Queen oder Southern Star abgeschnitten und damit die Innovation neuer Bierstiele oder Geschmacksrichtungen auf einen Schlag beschnitten.
Dies macht sogar ein Szenario denkbar, bei dem sogar der Zugang zu neuen Produktionsanlagen für kleine Brauereien durch die Konzerne eingeschränkt werden könnte. Bleibt zu hoffen, dass dies Kartellrechtlich bedenklich und entsprechend für die Konzerne zu Heikel ist.

Ob nun TSG Consumer Partners für Brew Dog auch einen solchen Verkauf anstrebt, ist natürlich wilde Spekulation. Doch Private Equity Firmen engagieren sich nicht, weil sie das Bier toll finden, sondern weil am Ende der Strasse der grosse Geldberg wartet oder warten sollte. Um diesen zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten: Eben ein Verkauf an einen der grossen Player, oder dass Brew Dog an die Börse gebracht wird, womit es dann mit der Unabhängigkeit auch vorbei ist.

Artikel zum Thema: FAZ – Ist die „Craft“-Revolution schon wieder vorbei

2 Comments

  • dieA sagt:

    und ich lese den Artikel leider just an dem Tag, als publik wird, dass Ratebeer schon vor Monaten einen geheimen Vertrag mit AB-Inbev abgeschlossen hat: http://goodbeerhunting.com/sightlines/2017/6/2/ratebeer-zx-ventures-acquisition-minority-stake-anheuser-busch-inbev

    Es scheint mir, als hätten die Strategen, Marktanalysten und Ökonomen bei AB-Inbev, Carlsberg und Heineken sich mittlerweile damit abgefunden, dass Craft Beer existiert und dass sie etwas dagegen unternehmen müssten um ihr Kerngeschäft (Billigbier) zu retten.

    • jan sagt:

      Danke für den Beitrag. Genau, sie haben sich entschieden, etwas DAGEGEN zu unternehmen. Time hat in einem Artikel von einem Fünfpunkteplan gesprochen. Erstens, eigene Quasi-Craftbeer-Brands zu gründen (z.B. Bluemoon), zweitens Craft Brauereien aufzukaufen (siehe Artikel), drittens Craft Biere in Werbekampagnen zu diffamieren, viertens die Distribution zu kontrollieren und fünftens die Marktmacht auszunutzen. Mit eins und drei wurde bereits vor ein paar Jahren gestartet, zwei, vier und fünf scheint jetzt aktuell zu sein. Da passt natürlich auch, dass sie in Ratebeer einsteigen.

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