August 16th, 2017,  | 0 Kommentare

Vor ein paar Tagen hab ich gelernt, was ein „boss pour“ ist. Das Magazin Craft Beer & Brewing definiert diesen so: „Ein stilistisch ungeeignetes und das Aroma beeinträchtigendes Einschenken, bei dem das Glas bis zum oberen Rand gefüllt wird, ohne, dass sich Schaum bildet, in der scheiternden Hoffnung damit seine Freunde in den Social Media zu beeindrucken“. Da wir nun ein Instagram-Konto haben, wusste ich sofort was hier angesprochen wird und ich hatte einen Namen dafür, was mich schon seit längerem irritiert hat. Aber lasst uns erstmal zwei Schritte zurück gehen.

Schritt 1: Je mehr man weiss
Schau in dein Lieblingsbierbuch und darin wirst du ein Kapitel zu Gläser finden. Im Teil zur Sensorik kannst du nachlesen, wie wichtig das Aroma ist. Und, dass hauptsächlich Aroma und nicht Geschmack verantwortlich für das sensorische Erlebnis ist. Beide Themen waren auch immer wieder Teil unserer Bier Sommelier-Ausbildung bei Doemens, so, dass wir heute immer zuerst an einem Bier riechen, bevor wir es trinken. Zudem hatten wir eine ausführliche Diskussion darüber, welche Gläser wir für die Wortspiele-Bierfestivals auswählen. Wie sehr ein Glas das Aroma, den Geschmack und das Mundgefühl beeinflusst, ist ausserordentlich eindrücklich und wir haben bereits einmal darüber geschrieben. Entsprechend ermutigen wir jeden, einmal das gleiche Bier in unterschiedlichen Gläsern zu probieren. (Ironischerweise wird in der gleichen Ausgabe des CB&B auch der Begriff „glasshole“ definiert: „Jemand der sich weigert ein Bier zu trinken, wenn es nicht in speziellen Biergläser serviert wird“.)

Auf Instagram werden nun sowohl Aroma wie auch die geeigneten Gläser ignoriert. Die Leute verwenden die seltsamsten, wenn auch hübschen, Gläser für ihre Fotos. Gläser die noch vor Kurzem mit Grossmutters Kompott gefüllt waren oder wohl zur Präsentation von Blumen geeigneter sind. Kommt dann noch ein richtig toller „boss pour“ dazu hat man die allerschlechtesten Bedingungen um das Aroma und den Geschmack eines Bieres zu erleben. Und was dann richtig, richtig übel ist: Auch Brauereien veröffentlichen solche Fotos. Aber, egal, denn scheinbar ist das alles viel weniger wichtig als ein richtig tolles Foto. Denn die Definition erwähnt in einem Satz noch ein Beispiel einer Anwendung vom „boss pour“: „Mir ist’s egal, dass 80 Prozent des Geschmackes eigentlich das Aroma ist, denn dank dem boss pour haben das Foto 40 Leute geliked“.

Schritt 2: Pics or it didn’t happen
Vor ein paar Jahren reisten wir nach Machu Picchu, ein wahrlich magischer Ort mit seinen Gebäuden, der Landschaft, der Atmosphäre, Sonne, Dschungel, einfach alles. Wir nahmen an einer geführten Tour teil und als wir danach noch alleine die Stadt entdeckten, ist mir etwas aufgefallen: Sehr viele Leute waren scheinbar nur für’s Facebook-Foto da. In unserer Gruppe war eine junge Dame, welche alle sieben bis zehn Sekunden ein Selfie geknipst hat. Ununterbrochen während eineinhalb Stunden. Sie hat nicht zugehört was der Führer erzählte, sie hat sich kaum angeschaut, wovor sie ein Selfie machte. Es war scheinbar egal, dass sie sich in keinem Moment bewusst wurde, wo sie eigentlich war, erlebte sie sich selber doch vor allem auf ihrem Mobiltelefonbildschirm. Aber sie hatte natürlich nachher eine riesen Auswahl von Fotos, die sie auf Facebook teilen konnte, denn „pics or it didn’t happen“, gell?

Natürlich prahlen wir alle damit, wie viele Checkins wir auf Untappd oder wie viele Bewertungen wir auf Ratebeer haben, wie viele Whalez wir bereits trinken konnten, dass wir Biere unter sieben Prozent als Session Biere bezeichnen. Meist in einem freundlich und fröhlichen Sportsgeist. Früher war es aber das sensorische Erlebnis, weswegen die Leute von Bier angezogen wurden. Haben sich die Regeln geändert? Ist die Jagd und das Prahlen über die Beute genauso wichtig wie der eigentliche Genuss? Sind die Likes auf Instagram für ein Foto eines Whale so wichtig, dass man gewillt ist (bewusst oder unbewusst), die Trinkbedingungen und damit auch das sensorische Erlebnis zu verschlechtern?

Was ist die Moral von dieser Geschichte? Wenn es beim Bier nicht mehr darum geht dem Produkt Respekt entgegen zu bringen und somit dem Genuss möglichst ideale Bedingungen zu bereiten, dann bewegen wir uns in die falsche Richtung. Ein Blogpost wie dieser wird das aber nicht ändern können. Was jedoch einen Einfluss haben wird, wenn man Leuten nicht folgt oder die entsprechenden Posts nicht mehr liked – im Sinne eines „Fehlverhalten Abstrafens“. Für die positiv eingestellten Leute unter uns kann die Strategie aber auch sein, diejenigen Posts zu liken, die keine „boss pours“ zeigen und einen positiven Kommentar hinterlassen. Wenn es vor allem um Likes geht, dann zeigen wir somit einen anderen Weg, an diese zu kommen.

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