November 7th, 2017,  | 0 Kommentare




Die letzten Überbleibsel des Jetlags hingen in unseren Schädel wie Wassertropfen eines Hafennebels. Unser Hirn war bereits vollgestopft mit Impressionen: Vor kurzem sahen wir Orkas in der Wildnis, mehr Weisskopfadler als Tauben, garstige Küsten und sanftes Moos an einer Million Bäumen. In diesem Zustand trafen wir auf einen Menschen, verkleidet als Einhorn, in einem Feld voller Mövenscheisse, auf einer Insel – mag die auch so gross wie Belgien sein – und die ganze Erfahrung hätte sich anfühlen können wie ein Motorradrennen während einem Sandsturm am Rande von Las Vegas. Am Ende war das Erlebnis Great Canadian Beer Fest(ival) aber viel weniger Gonzo, sondern viel mehr grossartig.

Natürlich war da jemand in Lederhosen. Uns wurde versprochen, dass sich Leute verkleiden werden und Lederhosen sind die einfachste Abkürzung für Leute, die an ein Beerfestival gehen. Zudem sahen wir Leute mit Bretzelhalsketten, Frauen mit Hopfen im Haar und einige andere Kreaturen, die wir in der Zwischenzeit wieder aus unserer Erinnerung verbannt haben. Wir können uns aber immer noch an einen Goliath von Brauer erinnern, der eine Motocrosssonnenbrille trug; wir erinnern uns daran viel Bier getrunken und einen Berg von Nachos gegessen zu haben, welche aber tatsächlich dünn geschnittene und frittierte Kartoffeln waren. Wir erinnern uns daran, viel fröhliche Menschen gesehen zu haben, wenige davon sind uns als Nerds aufgefallen und wir erinnern uns an sehr viel Polizei- und Sicherheitsleute. Wir können uns aber nicht mehr daran erinnern, wie wir zurück ins Hotel gekommen sind. Die Art von Festival ist das Great Canadian Beer Fest.

Lasst mich euren Durst stillen
In den zweieinhalb Tagen in Victora, bekamen wir kein richtiges Gefühl für die Stadt. Als wir in die Stadt hineinfuhren herschte eine unheimliche Stimmung: Der Rauch der Waldbrände auf dem Festland wurde vom Wind über die Insel geblasen, er bedeckte die Sonne und färbte den Himmel orange. Den ersten Abend verbrachten wir im The Drake und tranken Biere von Green Flash und Alpine – zwei Brauereien mit denen wir schöne Reiseerinnerungen verbinden, was gleichzeitig die Erlaubnis war uns nicht an das „trink Bier aus der Region“ Mantra zu halten. Langsam und stetig trafen praktisch alle Brauer oder Brauereivertreter, die am Festival teilnahmen im Drake ein, begrüssten diejenigen, welche sie bereits kannten und lernten die anderen kennen. Die Luft war voller Enthusiasmus. Es war der Anfang eines vielversprechenden Wochenendes und der Abend stand im absoluten Kontrast zum Samstagmorgen, an welchem Leute von R&B und Big Rock (vermutlich) im White Spot in der Nähe des Festivalgeländes ihr Frühstück zu sich nahmen und um die Körpertemperatur zu normalisieren je zwei Bloody Marys aus Pintgläser tranken. Vor sich einen kalten und regnerischen Tag an dem sie sich fröhlichen Menschen in Kostümen stellen mussten.

Vor der Finsternis, war da jedoch noch der Freitag. Während am Morgen das Wetter noch den Zufallsgenerator angeworfen hatte und von heiss auf kalt vor- und zurückspulte, wurde es am Nachmittag heiter. Der Rauch war unterdessen weiter links über dem Pazifik und die Sonnenbrillen konnten getragen werden, ohne Risiko den eigenen Vollhorst-Level zu erhöhen. Wir marschierten zum Royal Athletic Field mit der Anweisung eine Stunde vor Eröffnung für die Medienführung vor Ort zu sein. Das „who’s who“ der durstigen kanadischen Bierschreiberschaft war da, inklusive dem durstigen Schreiber höchstpersönlich. Wir versammelten uns im Zirkuszelt und lauschten der Begrüssungsrede von John Rowling, Direktor und Mitgründer des Festivals. Geblieben ist uns vor allem, dass es immer schwieriger wird Besucher anzuziehen. Kein Wunder, meinte John, können die Leute heutzutage in eine Bar mit über 50 Zapfhähnen gehen und dort an jedem beliebigen Abend der Woche ihr eigenes kleines Bierfestival erleben.

Aber die Leute sind gekommen. Am Samstag war das Festival ausverkauft und am Freitag gab es nur noch wenige Tickets. Trotzdem fühlte sich das Fest nie überfüllt an. Da waren so viele Brauereien, die Leute verteilten sich auf dem Gelände und bei den wenigen Schlangen ging es schnell vorwärts. Irgendwann einmal sagte ich zu meiner Reisebegleitung: Komm, wir kucken wo die längste Schlange ist, weil das sollte ja dann die Brauerei mit dem besten Ruf sein. Wir stellten aber fest, dass die längste Schlange bei der Brauerei war, deren Stand am nächsten beim Eingang lag. Die Leute hatten Durst und stillten diesen einfach so nahe vom Tor wie möglich (wohl mit der Ausnahme Fuggles & Warlock, das konstant Leute anzog und welches wir nach deren anstrengendem Agent Orange IPA mieden – bis wir dann doch an den Stand gingen um das Gin & Lime Pilsner und Gin & Tonic Shiori Peach Sour zu probieren).

Lasst mich euch unterhalten
Es fühlte sich nicht wie ein Bierfestival an, eher wie ein Abhängen von Leuten und Bier war lediglich der Grund dafür, weswegen sie hier und jetzt abhängen. Falls es einen Tisch gab, an welchem Leute am Laptop Biere bewerteten – etwas das man hier in Europa an Festivals sieht – dann haben wir den verpasst. Und selbst wenn es jede Menge Bärte hatte, so hatte es ebenso jede Menge Röcke.

In seiner Rede hat uns John erzählt, dass sie damals die Leute mit Bier anlocken, ihnen dann aber nicht die gewohnten Biere servieren wollten: Wegen Bier gekommen und mit einer frischen Liebe für Craftbier gegangen. Das war vor 25 Jahren (das GCBF ist das am längsten kontinuierlich durchgeführte Bierfestival in Kanada und feierte in diesem Jahr die 25ste Durchführung). Angesichts davon, dass Craftbier unterdessen ein Teil des „allgemeinen Bewusstseins“ in gewissen Gegenden von Britisch Columbia ist, ist diese Missionierung heutzutage weniger dringlich. Dieses Bewusstsein bedeutet vielmehr, dass die Leute für eine gute Zeit ans Festival gehen und weniger um über Bier abzunerden. Das wiederum bedeutet, dass die Organisatoren allerlei Unterhaltung bereitstellen, wie immer wieder einmal einen Strassenakrobaten, Musik an allen Enden, Bierstände, die effizient arbeiten und Besucher, die sich gegenseitig mit fröhlichen Kostümen unterhalten.

Wollen wir das blöd finden? Nicht wirklich. Was war es ursprünglich, weswegen wir uns dem Bier zuwendeten? Der Geschmack, oder? Und das Trinken mit Freunden, oder? Wenngleich der Geschmack etwas beinträchtigt war durch die Plastikgläser aus denen wir trinken mussten. Doch Freunde waren da. Über alles gesehen, wurde weniger das Bier gefeiert und vielmehr war es eine Feier von… nun, es war eine Feier. Wenn es weniger um das Bier geht und mehr darum Spass zu haben, dann erhöht das das Risiko von betrunkenen Personen – etwas das man an Nerd-Festivals praktisch nie sieht. Das erklärt vermutlich die Anzahl Sicherheits- und Polizeileute sowie die ständige Erinnerung daran nicht selber nach Hause zu fahren und die generell unterschwellige Babysitter-Atmosphäre. Das hat uns aber nicht gestört und ebenso wenig störten wir uns an dem fröhlichen Herren im Bärenkostum. Es gab Bier und etwas zum Essen und Musik und Freunde und frische Luft und es war ein Fest, das wir gerne jedes Jahr besuchen würden, wäre es doch nur nicht 10 Flugstunden entfernt.

Dennoch war es auch ein Bierfestival und es gab Bier zu trinken. Und wir verköstigten ein paar tolle Biere, wie zum Beispiel das Ravens Brewing Lingonberry Lime Gose und die New England-stilistischen Biere Bossy Juice von Moody Ales und Dad Jokes von Twin Sails. Wir mochten auch Fruity Muther Pucker von Axe & Barrel und viele mehr. Dann waren da noch ziemlich viele Cask-vergärte Biere (inclusive das schmackhafte Framboise von Spinnacker – allgemein gibt es in BC aktuell sehr viele Frucht- und Beerenbiere) und es gab mehrheitlich Biere von Brauereien aus British Columbia, mit daruntergemischten Brauereien wie Unibroue: Gerade einmal 5 von den über 60 Brauereien kamen von ausserhalb British Columbia. Diese 60plus Brauereien servierten zwischen drei und vier Biersorten, so, dass der Versuch einen anständigen Prozentanteil aller Biere zu probieren eine Mammutaufgabe war, an welcher wir kläglich gescheitert sind.

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