Januar 19th, 2019,  | 0 Kommentare

Es fühlt sich an, als stünde Craft Beer an einem Scheideweg. Wir machen diese Umfrage bereits seit vier Jahren, und noch nie waren die Antworten so widersprüchlich, und noch nie zuvor gab es so viel Besorgnis bei all der Begeisterung. Einige loben die Community, andere sehen bereits Grund zur Kritik. Es gibt Verbesserungen in der Qualität, aber nicht genug. Einige feiern Expansionen, andere mussten schliessen. Wachstum und Konsolidierung. Links und rechts. Auf und ab. Hazy und klar. Optimistisch und pessimistisch. Lasst uns eintauchen.

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In Anbetracht der dem „Craft Bier“ inhärenten Dichotomie sollte uns eine Dichotomie in den Antworten nicht überraschen. Craft Bier ist in erster Linie ein Geschäft, aber auch eine Gemeinschaft. Oder es ist in erster Linie eine Gemeinschaft, aber auch ein Business. Diejenigen an den Rändern betonen die romantisierten Aspekte des Handwerkes und der Gemeinschaft, während es für viele im Business, halt eben in erster Linie ein Geschäft ist. „Es ist wie bei Musikbands. Einige Fans verlassen eine Band, wenn sie zu beliebt wird. Im Craft Beer wird eine Brauerei kritisiert oder aufgegeben, wenn sie ein Minimum an unternehmerischer Entscheidung aufweist. Aber es ist ein Geschäft“, sagt Markus Forster von ProBier, Organisator des Craft Beer Festival Zürich. Kein Wunder also, dass der Teilverkauf von Beavertown an Heineken mehrfach erwähnt wird. Doch nicht nur Beavertown wurde kritisiert, sondern auch die Brauer, die sich vom BeavEx-Festival zurückgezogen haben, wie Tom of Brew By Numbers feststellte. Die Craft Beer Gemeinschaft ist wankelmütig.

Auf die Frage, was ihn 2018 verwunderte, schrieb Chris von 3 Floyds „die sich ständig verändernde Landschaft in der Bierindustrie“ und Fred von Hopping Frog schrieb die „Sättigung im Craft Bier-Markt“. Viele Brauereien feierten Erweiterungen oder neue Anlagen (Four Winds, Brew By Numbers, Brekeriet), während Van von Gigantic sich darüber wunderte, wie viel Schulden Brauereien haben. Brauen ist ein Geschäft und die Sorgen einer Produktionsbrauerei sind anders als die eines Biertickers, der jedes Bier nur einmal trinken will (zur Kritik einer ganzen Reihe von Diskussionsteilnehmern) oder der von einer beliebten Brauerei zur nächsten springt. Brauer fragen sich, „wie sie die letzten Malzkörner effizient zum hintersten Auslauf des Läuterbottichs bringen können“ (Katie von White Frontier) oder „wie viele Stunden kann eine Person in einer Woche arbeiten“? (Chris von White Frontier). Und in der Schweiz müssen die Brauer Alkoholsteuern zahlen, was die Winzer nicht tun müssen – wie Ben von Black Pig betonte.


Leg Underworld’s „Born Slippy“ auf

Es gibt aber auch positive Veränderungen. Noch nie zuvor wurden so viele „exotische“ Länder erwähnt: Orte oder Brauereien in Italien, Russland, Spanien, der Ukraine, Griechenland, Polen und Vietnam erhielten Erwähnungen. Dies spiegelt sich auch in einer Rückmeldung von Stu von den Yeastie Boys wider, der eine „allgemeine Verbesserung der Bierqualität auf der ganzen Welt“ erkennt. Die Konkurrenz durch Importe ist jedoch nicht unbedingt etwas, das eine Brauerei sucht, oder wie Robby of 7 Peaks schreibt: „Ich hoffe, dass die Importe-/Industrie-Anteile schrumpfen und die Schweizer Craft Bier-Brauereien wachsen!“

Darryl von der Beerbliothek fragt sich, was der nächste Trend oder Hype sein wird. Wir erkennen den Wunsch zu einfacheren Zeiten zurückzukehren, zu „Bier, das wie Bier schmeckt – nicht Saft oder Kuchen“, wie Van es ausdrückt. Dies zeigt sich in vielen Beiträgen zu Lagerbier, insbesondere bei Roger von Brygger Øl, Mike von Lervig, Jonny vom Craft Beer Channel und Urs von UG Bräu, sowie bei bierversuche’s eigenem Christian. Natürlich gibt es immer noch viel Gerede über IPAs, aber merklich kontrovers: Stuart von Magic Rock genoss es, West Coast IPA in Kalifornien zu trinken, während einige sich über all die New England IPAs ärgern (z.B. Jérôme von BFM, Brent von Four Winds, Tore von Fjord & Fjell, Fredrik von Brekeriet, Van von Gigantic oder unser Kumpel Biit). Glücklich hingegen sind Alain von den Beer Guerillas oder Markus von ProBier. Dennoch gab es mehr Kritik als Lob für den Hype-Stil des letzten Jahres.

Es gab auch wenig bis gar keine Begeisterung für Brut IPA, wobei Darron von Siren, Fredrik von Brekeriet und Jay von der Kajüte Bar besonders misstrauisch gegenüber diesem neuen Stil sind. Interessanterweise haben immer noch viele Leute ihre Abneigung gegen saure Biere geäussert (wir verzichten hier darauf, Namen zu nennen). In Anbetracht der Personen, die hier antworteten, alles Personen die mit Craft Bier verbunden sind, gibt dies Tom von BBNo’s Frage zusätzliches Gewicht: „Gibt es einen Markt für wild vergorene Biere jenseits der Craft Bierliebhaber? Ich bin gespannt, wie sich die neuen Overworks-Biere in grösserem Massstab verkaufen.“


Die Schweizer Brauerei-Szene wächst heran oder überschreitet den Zenit

Der lange Sommer machte das Jahr zu einem Guten für die Brauer, zumindest gemäss den Antworten von Alex von Öufi, Simon von Lägere und Jérôme von BFM. Dennoch scheint sich die Schweiz nun damit auseinanderzusetzen, was das letztjährige Wachstum für den Markt bedeutet. Denn es war ein besonders widersprüchliches Jahr mit guten Nachrichten (mehr Restaurants, mehr Geschäfte, mehr Festivals – zur Kritik vieler Kommentatoren). Die Schweiz erreichte 1’000 registrierte Brauereien (unsere Analyse davon ist hier), was viele verblüfft, und einige weitere verwundert, dass diese Zahl weiter wächst. Aber es gab auch schlechte Nachrichten, keine schlimmer als die Schliessung der legendären 523. Trotz solcher Schliessungen gab es viele Erweiterungen oder Upgrades bei bestehenden Brauereien wie Broken City, Nébuleuse, Haarige Kuh, Brausyndikat oder auch Aabachbier. Aber man muss sich fragen, wer das ganze Bier trinken wird? Weil es gibt vielleicht mehr Geschäfte und Restaurants, Martin vom Sudwerk erwähnt zum Beispiel das Impuls Restaurant in Wetzikon, aber reicht das aus? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Verfügbarkeit immer noch ein Problem ist oder wie unser eigener Jan verwundert fragt, warum es immer noch so schwierig sei, Schweizer Bier in der Schweiz zu kaufen.

Es gibt eine grosse Gruppe von Kommentatoren, welche die Verbesserung der Qualität loben, darunter Samuel von Blackwell oder Robi von Zur Palme Brewing. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, welche kein Blatt vor den Mund nehmen: Laurent Mousson, Tom von Full Measure oder Stephan Zwahlen vom Importeur und Distributor Amstein reden Klartext: Laurent hofft, dass sich die Schweizer Brauereien endlich zusammenreissen, zweifelt aber daran. Er legt den Finger auf etwas Bestimmtes: „Viel zu viele Biere aus Kleinbrauereien haben schwerwiegende Gärproblemen: gestoppte Gärung (unfermentierte Würze), gestresste Hefe (übermässig esterig mit Fusel-Alkohol obendrauf), viel zu junges Bier (Acetaldehydgehalt geht durch die Decke), etc. Es ist, als ob diese Brauer auf alles achten bis die Würze kühl und vergärbar ist, und dann einfach aufhören, sich um die Würze zu scheren….. und viele von ihnen wollen nichts davon hören.“ Tom von Full Measure ergänzt, in dem er sich „eine ernsthafte selbstkritische Reflexion der Brauereien“ wünscht. Dass die Qualitätsdiskussion nicht ausschliesslich schweizerisch ist, zeigt Stu’s oben erwähntes Zitat, während Jonny vom Craft Beer Channel sich fragt: „sind wir zu wohlwollend mit einem schlechten Bier, nur weil es von einer kleinen/unabhängigen Brauereien kommt?“


Collabofest 2019

Crafty Praktiken haben auch in die Schweiz Einzug gehalten, indem sich grosse Brauereien mit „Craft-Bier-Stilen“ (was auch immer das sein mag) beschäftigen, während sie ihre Dominanz auf dem Markt beibehalten, bis hin zum Sponsoring von „Sportclubs und Grossveranstaltungen um sich Exklusivität zu sichern. Es sieht so aus, als hätten wir es hier mit „Bestechungsgeldern“ zu tun, und diese Praxis ist nicht fair“, kritisiert Ben von Black Pig. Aber es sind nicht nur die Grossen, laut Robby von 7 Peaks: „Ich war verärgert über einige der Spielchen, die unsere grösseren Craft Bier Brauereien spielen, um zu wachsen.“ Stefan von Brauwolf spricht über Kämpfe und Drohungen zwischen Craft Bier Brauereien und Fabricio von Totally Beer beklagte „Brauereien, die sich immer weniger gegenseitig helfen“.

Gleichzeitig lobten aber viele die Schweizer Szene und Gemeinschaft, wie Adrian von MN Brew, Oliver von 4655, die Jungs von Endo oder Xavier von l’Apaisée, der zusätzlich ein internationales Beispiel anführte: Er wurde an ein Bierfestival in Kanada eingeladen. 2018 war auch das Jahr, in dem Nébuleuse und White Frontier mehrere internationale Kooperationen brauten und es gab sogar ein eigenes Minifestival. Es wird spannend, ob es noch mehr Schweizer Collabos geben wird, wie Robby von 7Peaks es sich wünscht. Er sollte willige Mitstreiter finden, in Brauer wie Ben von Black Big, Tore von Fjord & Fjell, Eric von der Brasserie de la Mine, Robi von Zur Palme Brewing oder Martin von MashBrothers, die alle ihr Interesse an Collabos bekunden.


Eingikeit über Uneinigkeit

Wenn man alle Antworten liest, ist es schwierig, viel Konsens zu finden. Ist die Vielfalt der Antwortenden für diese Meinungsverschiedenheit verantwortlich? Schlussendlich sprechen jedoch alle professionellen Brauer, Getränkehändler, semiprofessionellen Brauer, Beobachter, Journalisten und Fans immer noch vom gleichen Thema.

Auf jeden Fall gibt es viel zu viel spannende Informationen in an all diesen Antworten, um wirklich alles in diesem Beitrag abzuhandeln. Also nimm dir etwas Zeit und tauche in die Beiträge ein. Es ist ein faszinierender Einblick in das, was derzeit gedacht, gelobt, kritisiert, gefürchtet und gewünscht wird. Handwerkliches Bier steht an einem Scheideweg. Es war ein Jahr der Widersprüche, Herausforderungen, Gegner, aber schlussendlich auch der guten Nachrichten, so erinnert uns Andy von Partizan: „Dass Nordkorea etwas freundlicher war, war schon noch schön.“

  • Adrian Minnig, MN Brew GmbH
  • Adrian Rösti, Glattfelder Privatbrauerei
  • Alain Bruttin, The Beer Guerrillas
  • Alex Künzle, Öufi Brauerei Solothurn
  • Andy Smith, Partizan
  • Andy Taylor & Glynn Gillies, Haarige Kuh Brauerei (The Hairy Cow Brewing Co.)
  • Beat Ming, Reinecke Bräu / MashBrothers
  • Ben Bost, Brasserie BlackPig
  • Biit, bierversuche.ch Frontendler
  • Bov, bov.ch
  • Brent Mills, Four Winds Brewing
  • Chris Boggess, 3 Floyds Brewing Co.
  • Chris Kneuss, aabachbier
  • Chris Treanor, WhiteFrontier
  • Christian, bierversuche.ch / wortspiele.org
  • Christian Stoiber, Brauerei Altes Tramdepot
  • Darron Anley, Siren Craft Brew
  • Darryl de Necker, Beerbliotek
  • David Kägi, craftbrew.ch
  • Dominic, Francesco, Sandro, Endo-Bier
  • Eric Nussbaum, Brasserie de la Mine
  • Fabian Ehinger, Kitchen Brew
  • Fabio Colombo, Broken City Brewing
  • Fabricio Ataide, Totally Beer
  • Fred Karm, Hoppin‘ Frog Brewery
  • Fredrik Ek, Brekeriet
  • Gabrielle Beck, Brasserie du Virage
  • Harley Williams, Unterbad Brewery
  • Jan, bierversuche.ch
  • Jan de Ruijter, El Caballero Brewing
  • Jan Kemker, Brauerei Kemker
  • Jay Tanoa, Cafe Kajüte
  • Jérôme, Brasserie BFM sa
  • Jonny Garrett, Craft Beer Channel
  • Julien, À tue-tête / Brassage & Assemblage
  • Julien Brandli, Cinq 4000
  • Julien Manetti, Chien Bleu
  • Karin, Barfuss Brauerei GmbH
  • Katie Pietsch, WhiteFrontier Brewery
  • Kouros Ghavami, La Nèbuleuse
  • Laurent Mousson
  • Marcel, bierversuche.ch/wortspiele.org
  • Marco Bleisch, BCB Bleisch Craft Beer
  • Marco Hemann, Hermann Bier
  • Markus Forster, ProBier / Zürich Bier Festival
  • Martin, Sudwerk Brauerei
  • Martin Droeser, MashBrothers / MartinsCraftBeerTable
  • Matthias Jäggli, Les Garçons
  • Mike Murphy, Lervig
  • Ole, BrüW – Brewpub
  • Oliver Martini, 4655 Brewing Company
  • Oliver Zemp, Brausyndikat
  • Patrik Feller, Strättligen Bier
  • Pierre Elser, Bear’N’Stein
  • Raphaël Mettler, Brassere Trois Dames
  • Richie Waldis, Bierwerkstatt NordSud
  • Robby Collins, 7Peaks Brasserie
  • Robi Schenk, Zur Palme Brewing
  • Roger Brügger, Brygger Øl
  • Roland Singer, The SIN Brewery
  • Ronny Mathieu, brauerei-kompass.ch
  • Samuel Aeschlimann, Brauerei Blackwell
  • Silvia Herzog, Brau- und Rauchshop
  • Simon Dankwa, LägereBräu AG
  • Stefan, Dr. Brauwolf
  • Stefan Hahn, Getränke Hahn AG
  • Stephan Zwahlen, Amstein SA
  • Stu McKinlay, Yeastie Boys
  • Stuart Ross, Magic Rock Brewing
  • Thomas Schneider (ttt)
  • Tom B, Full Measure Brewing
  • Tom Hutchings, Brew By Numbers
  • Tore Haugholt, Fjord & Fjell Nano Brewery
  • Urs Flunser, UG-Bräu
  • Van Havig, Gigantic Brewing Company
  • Xavier, l’Apaisée

 

 

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