Oktober 30th, 2020,  | 0 Kommentare

Craft-Bier ist fantastisch. Nicht nur weil es gut schmeckt, es zeigt auch, dass Unternehmen trotz Konkurrenz gemeinsam können, statt gegeneinander. Es zeigt, dass kleine Unternehmen auch in der von Profit getriebenen Wirtschaft etwas zum Guten bewegen können, selbst, wenn Sie grosse Gegenspieler haben. Ist deshalb alles perfekt, das Craft-Bier ist? Nein. Gewisse Entwicklungen finde ich nicht gut. Deshalb: Eine kritische Meinung zum Craft-Bier Business.

craft beer cans

Die Modeindustrie mit ihren Milliardenumsätzen hat seit längerem ein Problem. Sich selbst. Weil die Zeit von einem (künstlich erzeugten) Trend zum anderen immer kürzer werden, sind die Klamotten des neusten Trends schon da, bevor sich der alte Trend überhaupt richtig durchgesetzt hat und die Kleider verkauft sind. Die Folge davon ist, dass mittlerweile das ganze Jahr Ausverkauf herrscht. Als Konsument muss ich also gar nichts mehr zum normalen Preis kaufen, was das geschilderte Problem der liegen gebliebenen Kleider nochmals verstärkt und nach noch häufigeren Ausverkäufen schreit.

Was hat dies mit Craft-Bier zu tun? Nichts. Und doch gleichzeitig alles. Zugegeben, Craft-Bier kauft man kaum im Ausverkauf und auch überschlagen sich die Trends nicht selbst. Aber doch scheint es mir, es gäbe gewisse Ermüdungserscheinungen auf dem Markt.

Neu ist nicht immer besser

Da wäre z.B. das Problem, dass Brauereien immer neue Biere auf den Markt bringen müssen um die «neu ist besser» Mentalität, die bei den Biertrinkern um sich greift, befriedigen zu können. «Neu» ist grundsätzlich nicht schlecht, sonst wären wir jetzt noch bei den monotonen Lager des Mainstreams. Aber es darf auch zweimal das gleiche Bier sein, wenns gut ist. Oder fünfmal. Oder dreiundzwanzigmal.

Wenn diese Mentalität jedoch wie in den USA dazu führt, dass Craft-Brauereien alle zwei Wochen ein neues Bier auf den Markt bringen müssen, dann wird es absurd. Denn niemand kann mir sagen, dass es Brauereien schaffen, alle zwei Wochen ein Bier mit wirklich neuem Rezept auf den Markt zu werfen – und alle Brauer, mit welchen ich gesprochen habe, bestätigen mir dies. So wird einfach das gleiche Rezept mit unterschiedlicher Hopfenkombination aufgemischt und voilà, neues Bier. Dass dies fast gleich schmeckt, wie das letzte ist den «Neu ist besser»-Trinkern egal. Sie zelebrieren ja das neu, nicht das anders oder besser. Es sind quasi die gleichen Hosen, einfach in einer anderer Farbe.

Gleichzeitig gibt es auch in der Craft-Bier Welt Trends. Hopfige, bittere West-Coast IPA machten den Anfang, dann Double IPAs und Tripple IPAs, Session IPAs und zuletzt New England Pale Ales und IPAs. Dazwischen kamen als kleinere Zwischentrends Saisons, Imperial Stouts, alle möglichen Barrel Aged Sachen und viele mehr, die ich wohl wieder vergessen habe.

multiple craft beer cans

Alles schmeckt gleich

Diese Trends führen am Anfang zu tollen neuen Produkten mit neuen Geschmäckern und Wow-Erlebnissen beim Trinker. Danach passiert, was bei Trends passiert. Alle springen auf den gleichen Zug auf und das Resultat sind sich immer ähnlicher werdende Biere wie die New England Pale Ales und IPAs, bei welchen selbst Sommeliers sagen: «Schmecken alle gleich: süss, fruchtig, null Bitterkeit». So hat z.B. das Rezept für das «All together» NEIPA (tolle Initiative für die von Covid-19 gebeutelte Gastronomie) einen IBU von 0.

Das ist so gar nicht im Sinne der Craft-Bier Revolution, welche bei «etwas anderes machen» den Ursprung hatte. Und so erinnert mich auch das an die Mode, wo alle Modemarken plötzlich das gleiche produzieren und die Kunden gezwungenermassen den neuen Trend aufnehmen müssen – weil es kaum mehr was anderes gibt.

Selbst die verwendeten Hopfen sind immer die gleichen: Citra, Columbus, Chinook, Galaxy, etc. welche die New England typischen «tropical fruit» Geschmäcker hervorbringen, sind mittlerweile überall drin. Aktuell soll es einen neuen Hype-Hopfen geben, Talus. Ich kenn ihn noch nicht, aber er soll nach, genau, tropical fruits schmecken.

6 Wochen ist nicht alt

Ein drittes Problem kommt aus der gleichen Ecke. Weil die New England Biere haufenweise frischen Hopfen drin haben und die Hopfenaromen instabil sind, weil sie sich schnell verflüchtigen und verändern (also die ätherischen Öle), ist eine regelrechte Hysterie um die Frische der Biere entstanden. Klar, ein 6 Monate altes New England Pale Ale schmeckt nicht mehr gleich und wohl nicht mehr gleich gut, wie wenn es neu ist. Aber wenn mir am Brau- und Rauchshop Biercontest ein Judge erzählt, dass Kunden Bier nicht mehr kaufen wollen, weil es 6 Wochen alt (und damit angeblich zu alt) ist, dann sehn ich mich etwas nach gesundem Menschenverstand. Und erinnere mich zurück an die IPAs aus Amerika, die wir vor 10 Jahren getrunken haben. Die waren damals kaum erhältlich und entsprechend alt, wenn Sie hier ankamen. Gut waren Sie deshalb trotzdem, wenn auch wohl nicht so gut, wie sie hätten sein können.

In die gleiche Richtung führt auch die Kühltematik. Aufgrund der flüchtigen ätherischen Öle müssen diese Biere auch immer gekühlt werden. Müssen Sie das wirklich? Auch hier gilt natürlich, dass dies die Qualität sicherlich stabiler hält. Gleichzeitig wurde mir am Brau- und Rauchshop Beer Contest von einem Judge erklärt, dass er bei Doemens ein Kurs zu Bierfrische belegt hat. Dort haben Sie anhand mehrerer Bierstiele geschaut, wie sich der Geschmack verändert, wenn das Bier immer gekühlt, bei Zimmertemperatur oder bei 50 Grad gelagert wurde. Wenig überraschend war das Bier bei 50 Grad hinüber. Aber der Unterschied zwischen gekühlten Bieren und dem Bier bei Zimmertemperatur war minim, was selbst die Kursleiter überraschte.

Also liebe Biertrinker. Entspannt euch mal wieder etwas. Weder ist neu immer besser noch wird ein Bier schlecht, weil es schon vor über 4 Wochen gebraut wurde. Und auch wenn es mal ein paar Tage nicht gekühlt wird und bei Zimmertemperatur lagert, kann man es noch trinken. Hört auch auf, jedes Bier nur einmal trinken zu wollen. Ein gutes Bier ist ein gutes Bier und darf auch mehrmals getrunken werden. Das T-Shirt zieht ihr ja schliesslich auch mehrmals an. Und die Klamotten im Ausverkauf kauft ihr ja auch, auch wenn Sie schon der «alte» Trend sind. 

Jetzt bis du dran. Was ist deine Meinung?

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